Die Vereinbarkeitslüge

IMG_20160224_110512Sasha Schmidt von selflab-blog meint: Mütter können nicht alles haben und müssen sich entscheiden, was für eine Mutter sie sein wollen. Aha. Wieso bitte schön können Mütter nicht alles haben, Väter aber schon? Denn außer dass Frauen bei der Kinderbetreuung 40 Schwangerschaftswochen Vorsprung haben, beträgt der Unterschied zwischen Müttern und Vätern höchstens 20 cm. Theoretisch. Denn das, was sich in der saloppen Feststellung „Mütter, ihr könnt nicht alles haben“ manifestiert, ist der Muttermythos. Die katholisch konnotierte Vorstellung der Mutter, die sich für ihren Nachwuchs und für die Familie aufopfert, liebevoll hegt und pflegt und es bitte schön genießt, schwanger zu sein, ein Baby – und damit keinen Schlaf – zu haben. Eine, die Trotzphasen gelassen weglächelt, ihre Brüste genau 6 Monate zur Verfügung stellt – bitte nicht weniger, sonst ist sie eine Rabenmutter, der das Wohl des Kindes scheißegal ist. Und auch nicht länger, sonst droht das Übermuttertum und das Kind hat sicher irgendwelche Spätschäden zu erwarten, wenn es mit sagen wir über einem Jahr noch am mütterlichen Nippel nippt. Mutterschaft ist mit den Müttern von heute nicht vereinbar – das Mutterbild, das durch die (hohlen) Köpfe geistert, ist eine Fiktion an ein anno dazumal, das es wahrscheinlich so gar nie gab. Die einzige Antwort auf die Frage, wieso Mütter nicht alles haben können, was sie wollen kann also nur lauten: Weil sie selbst es sich nicht erlauben. Weil sie Trugbildern nacheifern und aus der Mutterschaft einen Leistungssport machen – mit Siegerinnen, die doch nie einen Preis und sicher keine Anerkennung bekommen.

Und außerdem – was bitte ist überhaupt Vereinbarkeit? Und wer vereinbart da was mit wem?

Also Wikipedia sieht das so: „Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Personen andererseits zu widmen, unter Berücksichtigung der Schwierigkeiten, die dabei auftreten können.“ Das macht die Sache schon etwas klarer. Denn in dieser Definition zeigt sich: Vereinbarkeit meint nur die (theoretische) Möglichkeit, Familie und Beruf irgendwie gerecht zu werden. Und dabei können Schwierigkeiten auftreten. Das gehört also so und liegt im Wesen der Vereinbarkeit. Wer gibt diese Möglichkeit? Wohl der Arbeitgeber und der Gesetzgeber. Doch die kommen hier nicht explizit vor. Das lässt den Schluss zu: Die jeweilige Person muss sich mit sich selbst vereinbaren – also mit ihrem Gewissen und ihrem Selbstwert – wie sie den Ansprüchen von Familie und Beruf gerecht wird. Davon, auch den Ansprüchen der eigenen Person an Freizeit, Glück und persönliche Entwicklung steht da nix. Hm. Wie sieht der Staat das?

Das österreichische Bundesministerium für Familien und Jugend hat eine sehr abstruse Vorstellung von Vereinbarkeit: „Eine wichtige Maßnahme für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das bereits 2002 eingeführte Kinderbetreuungsgeld. Seit 2010 gibt es insgesamt fünf verschiedene Bezugsvarianten, darunter das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld.“ Was sagt uns das? Dass sich Familie und Beruf am besten vereinbaren lassen, wenn einer der Elternteile ein paar Jährchen daheim bleibt und Geld (bei zwei Jahren ur supere ca 425,- monatlich) für die Kinderbetreuung kassiert. Hab ich da was falsch verstanden? Wo ist da die Vereinbarkeit? Hmpf. Und auch der weitere Text klingt – nennen wir es mal – interessant: „Zu weiteren wichtigen Maßnahmen auf gesetzlicher Ebene zählen: die Anrechnung von Kindererziehungszeiten auf die Pension“ – ja aber auch nur ein paar Jähren pro Kind, „die Flexibilisierung der Karenz bis zum Schuleintritt des Kindes“ und das „Recht auf Elternteilzeit“ – ja, aber auch nur in Betrieben mit einer bestimmten Größe und einer ziemlichen Kluft zwischen Rechtsanspruch bis zum 7. Geburtstag und Kündigungsschutz bis zum 4. Geburtstag – und „Maßnahmen zum kontinuierlichen Ausbau der Kinderbetreuung“ – also das ist ja was, wo sich vielleicht doch so etwas wie Vereinbarkeit zeigen könnte. Denn Ausbau heißt noch lange nicht flexible Öffnungszeiten, heißt noch lange nicht, dass der Kindergarten nicht neun Wochen im Sommer zusperrt und auch nicht, dass die Betreuung der unter 3jährigen gefördert wird.

Was bleibt? Ein schaler Geschmack. Denn das, was unter Vereinbarkeit landläufig verstanden wird ist so real wie ein rosa Einhorn. Für Firmen heißt Vereinbarkeit, dass Mütter arbeiten sollen – nicht immer Vollzeit, aber bitte schön flexibel und wie jede andere Teilzeitkraft ohne Aufmucken brav Überstunden schieben. Wenn nicht, dann stößt das auf Irritation und Unverständnis – auch, wenn Mütter nach den vertraglich in der Elternteilzeit absolvierten Stunden pünktlich nach Hause gehen: „Wie, gehst schon?“ Was soll man dann sagen – angesichts des unterschwelligen Neids, der suggeriert? Die geht und legt sich daheim auf die faule Haut, die deponiert sich sicher mit Chips und Buch vor dem Fernseher. Nein, Mütter tun das nicht. Denn der Arbeitstag endet nicht mit den Bürozeiten. Er geht weiter. Und weiter. Und weiter. Kinder abholen, füttern, ausmisten, schlafen legen, nochmal schlafen legen. Feierabend? Na klar. Irgendwo zwischen Wäsche aufhängen und schon im Sitzen einschlafen gibt es da sicher noch ein paar Minuten Freizeit. Und den Stress dazu, weil das eben nicht genug ist. Und weil es leider oft keine Vereinbarkeit gibt – zwischen dem Leben an sich, den Bedürfnissen der Kinder und den Bedürfnissen der eigenen Person. JA. Mütter sind EIGENSTÄNDIGE Personen, die ein EIGENES Leben haben. Auch das lässt sich leider oft nicht mit der gängigen Meinung in der Bevölkerung vereinbaren. Ja Mutterschaft – verstanden als das Tragen eines Großteils der Betreuungs-, Erziehungs- und Putzlast – lässt sich ja meist nicht einmal mit der Partnerschaft vereinbaren. Sex? Echt jetzt? Da geht mindestens eine halbe Stunde Schlaf drauf! Das muss es einem erst einmal wert sein.

Also wie kann man das Leben mit Kindern mit den finanziellen Zugzwängen (Arbeit) und den eigenen Ansprüchen (Selbstverwirklichung, Erziehungsziele) so hinkriegen, dass sie nicht pausenlos kollidieren? Indem man die Mütter nicht damit allein lässt, Familie und Arbeit (eher Karriereflaute statt Karriere) auf die Reihe zu kriegen. Da braucht es ganz konkret die Menschen, die beispringen. Ehepartner, Tanten, Großeltern, Onkel, Wahlverwandte – damit nicht einer in Teilzeit Kinder und Beruf mit sich selbst ausmachen und der andere alles haben kann. Und es braucht eine Abkehr vom männlichen Habitus: von der Vorstellung, dass Mutterschaft mit Leistung und Perfektionismus verknüpft ist; von der Vorstellung, dass es nur darum geht, im Job alle Anforderungen zu erfüllen – es zu bringen. Es geht vielmehr um ein umfassendes Verständnis dafür, dass Menschen mit Kindern vor allem eines sind: Menschen.

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