Wir sind eine Zumutung!

CIMG1213Also echt. Wir sollten uns was schämen. Aber so was von. Zumindest als K1 und K2 noch ein paar Zentimeter kleiner waren und wir mit dem Kinderwagen in den Öffis unterwegs waren. Denn wir haben es gewagt … ja was eigentlich … zu leben. Da zu sein. Mit den Öffis zu fahren. Einen Platz im Aufzug (mit den scheinbar sinnentleerten Piktogrammen und der Aufschrift „Vorrang für …“) zu urgieren. Den Platz im Waggon, der für „mobilitätseingeschränkte Personen“ – darunter fallen auch Schwangere und Menschen mit Kinderwagen und Kleinkind – einnehmen zu wollen. So eine Frechheit aber auch. Aber wahrscheinlich hab ich es eh noch gut und bin ein undankbares A… Denn ich München sind Kinderwägen in der U-Bahn verboten. Charming, oder? Wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich bei Handgreiflichkeiten unweigerlich den kürzeren ziehe, ich hätte mich täglich gerne offensiver zur Wehr gesetzt. Es war nicht einmal, dass ich mich beschimpfen und beleidigen lassen musste, weil ich auf mein Recht, auch hier zu sein, bestanden habe. Und sogar in der Kirche sind meine Kinder Störfaktoren – zumindest, wenn man auf die unnötigen Wortspenden der alteingesessenen Kirchengeher-Community hört. Und zwar sogar dann, wenn sie ganz still und glücklich zur Kirchenmusik tanzen und nicht schreien. Denn: Ich mute meine Kinder der Welt zu. Aber so was von.

Daher ist es wie Öl auf mein vor Zorn und Hass lichterloh loderndes Herz, wenn ich in der WIENERIN lese, dass in Lokalen „Kinder unerwünscht“ sind. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass überall Kinder willkommen sein müssen, sondern weil diese Geisteshaltung, diese Kinderfeindlichkeit, die sich da in der Gesellschaft (sprich in der breiten, meist eher minderbemittelten Masse) manifestiert, gefährlich ist. Weil sich darin dokumentiert, dass Kinder ein Randproblem sind und als Störfaktor wahrgenommen werden. Wieso? 1.) Weil sie viel weniger Platz im öffentlichen Raum haben als früher. 2.) Weil es weniger Kinder gibt als noch vor 100 Jahren – das zeigt sich in den sinkenden Geburtenraten. 3.) Weil die Gesellschaft (wer das genau ist, sollte auch noch definiert werden) generell gerade ein Maximum an Intoleranz – Stichwort Flüchtlinge – an den Tag legt.

Wie wenig #Kinder Teil des normalen, öffentlichen Raums sind, manifestiert sich übrigens auch darin, dass #kinderfreundliche Lokale und Spielräume boomen. Alles ausgerichtet auf eine große Zielgruppe: Eltern. Doch so toll Lokale wie das yamm!, Kolariks Praterfee, die Dschungel Wien Davè.Bar, die Hollerei und der Bamkraxler sind, sie sind Teil des Systems. Sie bestätigen durch ihre Existenz den kinderfeindlichen Rahmen und nehmen die Kinder raus aus dem „normalen“ öffentlichen Raum und schaffen einen Gegenwelt. Das ist zwar nett für die Kids, die dann in Ruhe spielen und laut sein dürfen, aber es ändert das Denken in der Gesellschaft nicht – sondern zeigt nur, dass Lokale in Zielgruppen denken können und sich manche das Mäntelchen des kinderfreundlichen Lokals umhängen. Auch wenn dann vor Ort kaum mehr da ist, als ein Hochstuhl. Einer fürs ganze Lokal.

Doch zurück zur Feststellung, dass Wien, wahrscheinlich ganz Österreich ziemlich kinderfeindlich ist. Das lässt sich auch mit empirischen Daten untermauern. So hat eine internationale Studie (lt. FOCUS) ergeben, dass sich wir Österreicher uns als wenig kinderfreundlich einschätzen: 21 % der Deutschen und 39 % der Österreicher, aber 86 % der Dänen glauben, dass ihr Heimatland kinderfreundlich ist. Damit dürfte sich die Kinderfreundlichkeit verringert haben. Denn in einer Studie von Gruner+Jahr, GEO aus 2004 lag Österreich noch im Mittelfeld, während Deutschland Schlusslicht und Island am kinderfreundlichsten war.  Und auch eine auf presse.com kommentierte Studie über Wien zeigt ein ernüchterndes Bild: „Gutes Angebot für Großstadtkinder, das Klima ist allerdings zusehends schlechter: Kinder sind im Stadtbild oft (…) nicht gern gesehen und haben zu wenig freien Raum, aber ein wachsendes Freizeitangebot“. Auch wird attestiert, dass „sich die Fronten verhärtet“ haben.  „Mit ein Grund dafür ist, dass Kinder (…) im öffentlichen Raum immer noch kaum mitgedacht werden“. Juhu.

Der Trend zur #Kinderfeindlichkeit geht mit einer massiven Diskriminierung der Kinder einher – und zwar aufgrund ihres Alters. Laut Tante Wikipedia bezeichnet der Begriff Altersdiskriminierung „eine soziale oder ökonomische Benachteiligung von Einzelpersonen oder Personengruppen aufgrund ihres Lebensalters. Den Betroffenen wird es (…) erschwert, in angemessener Weise (…) am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können“. Wenn so was im Arbeitsumfeld vorkommt, wird die Gewerkschaft oder der Betriebsrat tätig. Aber bei Kindern? Eh wurscht, oder? Nein, ist es nicht. Denn die Diskriminierung zeigt sich nicht nur in unserem Handeln mit Kindern, sondern auch darin, wie und was über sie gedacht wird. Und das Schlimmste: Die Kinder übernehmen diesen in der Gesellschaft existierenden kollektiven Habitus und reproduzieren ihn. Und das kann in diesem Fall nicht von Vorteil sein. Daher werde ich meine Kinder der Welt zumuten!

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