Ungenügend. Von Anfang an.

Als ich ihn sah – den schwellenden, quellenden Bauch einer Freundin – erinnerte ich mich an den Anfang. Bei mir. Als ich Mutter wurde – eine Transzendenz sosusagen, wenn auch nicht auf eine höhere Ebene, sondern eher in ein Paralleluniversum.

Rückblende: Es begann mit einem blassen, frisch erpinkelten Streifen auf den ich schon seit Äonen von Zyklen hingearbeitet habe. Endlich. Was wollte ich nochmal rufen? Hurraaa? Es wurde eher ähm naja. Weil das aber sowas von unerwartet war. Und nicht so, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe. Weil es anders war, als ich es aus den Erzählungen der anderen kannte. Denn, oh Wunder, da war kein Himmel voller Geigen, kein Sternschnuppenregen, ja nicht einmal einen Moment ist die Welt wegen dieser weltbewegenden Neuigkeit stehen geblieben. Damals. Es war ein nüchterner Moment. Auf den 40 nüchterne und ernüchternde Wochen folgten. Hormonspritzen. Blutungen und monatelanges Liegen – wahlweise auf Couch oder Bett. Morgenübelkeit bis in den Nachmittag. Fiese Durchfallvieren. Halsstarrig hartnäckige Gebärmutterhalsverkürzung. Und immer im Hinterkopf eine kleine Stimme, die immer lauter und lauter wurde: ICH HAB MIR DAS SO NICHT VORGESTELLT. Tja, blöd gelaufen. Denn der Point of no return war spätestens mit der 12. SSW erreicht. Schlimm genug, den eigenen Ansprüchen, aber da war auch noch das soziale Umfeld. Die, die bis zur Geburt praktisch noch 100 kg-Hanteln stemmen, im Doppelten Rittberger gebären und die Schwangerschaft so sehr genießen, dass sie am liebsten immer schwanger wären. GENIESSEN? Also, Genuss sieht für mich anders aus. Und für immer? Mir waren 40 Wochen schon 39 zu viel. Das Leben und Tun der anderen klebte wie Käseschmiere vom Neugeborenen an mir. Hurraaa – endlich ein paar neue Ansprüche von außen, die ich gleich verinnerlicht hab. War ja viel Platz da im aufgequollenen Körper, der auch nach Freigabe des 9monatigen Inlays nicht meinen Ansprüchen genügte: zu fett. zu weich. zu kaputt. zu wenig Heidi Klum, zu viel Quasimodo. In einem solchen Moment stehen einem natürlich andere hilfreich zur Seite. Das hat schon im Krankenhaus begonnen, mit WHO-werbegesponserten Aussagen, wie: „Stillen ist aber schon gut. Mindestens 6 Monate.“ Warum, fällt dem Kind sonst der Kopf ab? Oder mir der Nippel? Besonders beliebte Aussagen mit Appellcharakter und ziemlich offensivem Inkompetenzvorwurf an mich – vorwiegend von älteren Semestern, Omas, Opas und solchen, die es auch noch werden: „Also so ein Verhalten, das haben wir dem Kind aber schnell abgedreht.“ Aha. Bei meinem fehlt da wohl offensichtlich ein Schalter. Ich hab mir eh schon gedacht, dass die irgendwie fehlerhaft waren. Gebrauchsanweisung war ja auch keine dabei … Auch immer ein Quell großer Freude, war die Aussage: „Was regst dich wegen deiner Figur auf. Die Figur von vorher kommt nicht wieder und wenn, dann dauert das Jahre. Und es ist ja auch egal, du hast ja jetzt ein Kind“. Echt, ich hab ein Kind? Wär mir gar nicht aufgefallen, hab mich schon gefragt, was da immer von meinem Arm runterkotzt. Hm, das heißt also: Is eh schon egal, ich wurde einmal befruchtet. Jetzt brauch ich keinen halbwegs ansehnlichen Körper, sondern es ist okay, wenn ich das Gefühl  habe, mein Vor-Schwangerschafts-Body wurde gestohlen und ich hab jetzt ein Ersatzmodell bekommen. Jedes „Ich würde … bei mir … blabla“ war wie ein Tritt in die Eierstöcke. Denn: Ich bin leider nicht so wie die anderen. War ich wohl nie. Werd ich wohl nie. War bisher nie ein Problem – bis zu dem Moment, als ich unbedingt so sein wollte. Als Mutter: nicht auffallen, nicht raus stechen, nicht anecken. Es hat nicht funktioniert. Die Umtauschfrist für mich ist leider abgelaufen. Blöd, aber nicht zu ändern. Also, was tun? Den anderen die volle Windel als Fehdehandschuh hinwerfen? Ist Kacke (oder Lulu). Also bleibt nur die Trennung. Der radikale Schnitt. Ein Einschnitt so tief wie der Dammschnitt. Ich muss mich von meinen Ansprüchen trennen – an mich selbst. Und einsehen, so wie andere eine gute Mutter definieren, so werd ich nie. Gut so. Und aus.

 

 

 

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