Jetzt opfer dich doch schon, du … du Mutter du …

So musst du sein. Ja genau so. Als Mutter. Denn eine Mutter, das ist eine, die immer selbstlos und aufopfernd das Wohl der Kinder über das eigene stellt. Eine, die immer gütig lächelt, auch wenn ihr die Ableger auf der Nase und am Schädel rumtanzen. Eine, die immer tröstet und kuschelt. Eine, die nie geil ist, Regelschmerzen hat oder Halsweh oder einen Kater. Eine, wie aus dem Märchen. Genau, denn so eine gibt es nicht. Trotzdem müssen wir Mütter uns mit dieser Chimäre rumschlagen und kriegen dann immer eine am Deckel. Weil wir im Alltagsvergleich gegen dieses wunderbar idealisierte Ideal immer den Kürzeren ziehen. Und das ist gar nicht ideal.

Wie sehr wir Mütter vom Ideal der „guten Mutter“ dominiert werden, zeigt sich schon im Alltagsrassismus, dem Mütter ausgesetzt sind. Welcher Alltagsrassismus? Na der, der sich in solchen Sätzen manifestiert. In Sätzen wie: „Was regst du dich auf, du wolltest doch Kinder.“ Wer würde schon einem Mann, der über sein berufliches Arbeitspensum klagt, sagen: „Was regst du dich auf, du wolltest doch nicht arbeitslos sein.“ Aber auch in Zuschreibungen wie „du denkst immer nur an dich.“ Oder: „Du musst deine Bedürfnisse hintan stellen, du nimmst dich zu wichtig“, wenn Frau über mangelnden Feierabend oder mangelnde familiäre Unterstützung bei der Kinderbetreuung klagt, oder darüber, einfach müde zu sein. Ja, es scheint so, als wäre es ein Verbrechen, dass die eigenen Kinder einem manchmal ungelegen kommen und eine Last. Während es hingegen völlig ok ist, wenn Männer auch mal an sich denken – und trotz Familie regelmäßig im Fitnesscenter anzutreffen oder mit Freunden unterwegs sind. Auch kenne ich keine Mutter, der man in diversen öffentlichen Verkehrsmitteln im übertragenen Sinn einen roten Teppich ausgelegt hat, weil sie Kinder hat. Meist wird sie wohl eher angepöbelt, dass sie es wagt, überhaupt zur Hauptverkehrszeit zu existieren.  Aber ich kenne sehr wohl einige Väter, die wie neue Helden des Alltags gefeiert wurden – fast schon mit Lorbeerkränzen und denen sogar Obdachlose den Sitzplatz freigemacht haben. Weil Mann und Kinder und so.

Woran das liegt? Die FAZ weiß es: „Das Mutterbild früherer Zeiten liegt immer noch wie ein Schleier über unserer Gegenwart. Zugleich ist die neue Rollenerwartung so hoch, dass vielen Frauen angst und bange wird.“ Denn wenn es um die Reproduktion und Aufzucht geht, ist es vorbei mit der Freiheit, mit den Hedonismus und der eigenen Person. Dann geht es um das „Nachleben alter Vorstellungen“, denn die Gesellschaft der Gegenwart ist geprägt von den Rollenerwartungen und vom Verhalten früherer Generationen  und stammen aus einer Zeit, als Kinderaufzucht Frauensache war. Wie sehr die vorherigen Generationen hier noch mitwirken, zeigen die Ergebnisse des Wissenschaftszentrums Berlin aus 2012:

Diese besagen, dass in den „konservativen“ Ländern Europas – dazu gehören auch Deutschland, Österreich und die Schweiz ein überhöhtes Mutterbild herrscht. Und zwar eines, „das davon ausgeht, dass insbesondere ein kleines Kind nur von der Mutter betreut werden kann und ansonsten leidet. Weiterhin werden Hausarbeit als weiblich und Erwerbsarbeit als männlich gewertet“. Manche denken jetzt, na da ist ja eh alles gut und alles beim Alten. Genauso so wie es sich gehört. Leider nein. Denn ein solch veraltetes, traditionelles Mutterbild „verleugnet die Bedeutung des Vaters und bürdet die ganze Verantwortung der Mutter auf.“ Und das ist gar nicht gut. Denn dadurch gerät die Mutter – und nur sie – unter Druck. Und zwar doppelt. Wenn sie der Chimäre des traditionellen Mutterbildes nachjagt und es nicht erfüllen kann. Oder auch, wenn sie genau das nicht tut. In beiden Fällen: dumm gelaufen. Die Folge: Der Druck durch die eigenen Erwartungen, aber auch durch die Gesellschaft steigt und manifestiert sich als „diffuses Ungenügen“, das sich im Körper ablagert – also als Teil des mütterlichen Habitus, um hier mal kurz wieder Pierre Bourdieu aus der Schublade zu kramen. Das heißt also in letzter Konsequenz, die Mutter (so, wie sie seit dem Bürgertum gefasst wird) ist per Definition vor allem eines: ungenügend. Ein Mängelwesen also. Wenn wir also die Rolle der Mutter einnehmen, dass ist dieses Mangelhafte ein Teil davon. Mutter sein heißt, nicht gut genug zu sein. Und das ist ganz anders, als Angestellte sein, als Freundin, Geliebte, Nachbarin zu sein. Das Suhlen in den eigenen Unzulänglichkeiten ist also sein Teil des mütterlichen Habitus und der Rolle als Mutter.

Soweit, so schlecht. Und wie immer, wenn etwas schlecht läuft, ist es immer gut, einen Schuldigen zu finden. Auch hier. Also flugs gefragt: Wo kommt dieses Mutterbild eigentlich her, wer ist dafür verantwortlich? Denn oh Wunder, dieses Mutterbild existiert nicht seit dem Anbeginn der Zeit, sondern seit dem Siegeszug der bürgerlichen Kleinfamilie und des Kapitalismus – meint zumindest die Zeit. Und wir haben es, kurz sagt, dem aufstrebenden Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts zu verdanken. Wie das passiert ist, fasst Katrin Naujokat in ihrer Hausarbeit pointiert zusammen: „Die Frau“ wurde „ins Haus zurückgedrängt. Fortan war ihre einzige Aufgabe das Gebären und Aufziehen von Kindern. Der Begriff „Mutterliebe“ entstand erstmals und wurde schnell verknüpft mit Begriffen wie „Aufopferung“ und „freudiger Hingabe“. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Mutterbild weiter zementiert und mit Charaktereigenschaften wie Treue, Pflichterfüllung, Opferbereitschaft, Leidensfähigkeit und Selbstlosigkeit verbunden. Dies findet sich auch an anderer Stelle: „Die wichtigste Rolle der Frau im Nationalsozialismus war die Mutterrolle. (…) Eine berufliche Tätigkeit außerhalb von Heim und Familie verstanden die Nationalsozialisten als Widerspruch zur natürlichen Berufung der Frauen. In der Berufstätigkeit der Frauen sah man nämlich ihre Gebärfreude gefährdet“. Das zeigt, die Vorstellung von aufopfernder, selbstloser Mutterschaft und von der Betreuung des Kindes durch die Mutter ist nichts, was immer und überall so sein muss. Es ist eine „soziokulturelle Reproduktion“, die wir alle in unserem alltäglichen Tun und Handeln immer wieder neu gebären und weitergeben. An die nächste Generation. Und die althergebrachte Vorstellung von guter Mutterschaft existiert immer noch in den Köpfen. Hier. Jetzt. In dieser Gesellschaft. Und in den Medien. Und egal ob wir das traditionelle Mutterbild leben oder uns der Mutterschaft verwehren, wir aktualisieren dabei immer wieder diesen Rahmen. Nicht ohne Grund bereuen Mütter nun öffentlich, in dieser Gesellschaft Kinder bekommen zu haben. Nicht nur in Buchform, auch unter dem Hashtag #regrettingmotherhood findet sich einiges in den sozialen Netzwerken. Und die leise Hoffnung auf eine Veränderung: Denn obwohl sich „die Gesellschaft immer noch an dieses unerreichbare, heilige, längst überholte Bild der Mutter klammert wie ein Säugling an die Brust, scheint die Studie doch etwas in Bewegung gesetzt zu haben“.  Hoffen wir es und mögen wir diese Hoffnung nicht auch bereuen …

#eb2gether #Elternschaft #Mamablog #Elternblogger #Mutterschaft #Gesellschaftskritik #Mutterbild

4 Kommentare zu „Jetzt opfer dich doch schon, du … du Mutter du …

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