Als ich nach den Fehlgeburten wieder schwanger war #Blogparade

„Etwa 15 % aller klinischen Schwangerschaften enden als Fehlgeburt“ sagt das Universitätsklinikum Bonn. Und auch, dass die Gefahr, nach einer Fehlgeburt eine weitere zu haben, steigt: „Die  Vorgeschichte ist ein wichtiger Prognosefaktor für den Verlauf künftiger Schwangerschaften“. Denn nach einer Fehlgeburt liegt das Risiko für eine weitere bei bis zu 21 %, nach zwei bei bis zu 29 %, nach drei bei bis zu 33 %.

Das verändert.

Auch den Umgang mit der Schwangerschaft. Daher hat „Mama on the rocks“ unter #andersschwanger zur #Blogparade aufgerufen. Und ich bin gefolgt …

Wenn man’s im Urin hat.
Es war der 1.6.2011. Kurz vor 17:45. Kurz vor dem Pfingstwochenende. Und mein wundervoll gelber Mittelstrahlurin prasselte in einen wundervoll weißen Plastikbecher. Handwarm. Perfekt. Oder eigentlich nicht. Denn ich war wieder mal dabei, einen Schwangerschaftstest zu machen. Einer von gefühlt 100.000 in den letzten fünf Jahren. Einer, von dem ich überzeugt war, dass er nur Zeit und Geld kostet. Und eh nix bringt. Wieder mal. Ein Test also, nur so zur Absicherung, weil ich ein entzündungshemmendes Medikament einnehmen sollte, das garantiert nicht zu einer Schwangerschaft gepasst hätte. Also Lulu Marsch. Und da waren sie, die zwei Streifen. Einer ganz  hell, aber doch da.

Da hockte ich nun. Und war … irritiert. Verstört. Fassungslos. Also echt jetzt. Was soll ich sagen, es war so gar nicht, wie ich es mir in meinen feuchten Jung-Mädchen-Träumen, sponsored by Rosamunde Pilcher und Johanna Lindsey erwartet hatte. Es war einfach nur unpassend. Nix mit Auskurieren der Darmentzündung. Mit alkoholgeschwängertem Wochenende in Jesolo. Statt dessen Brüten in Wien? Oder wie? Was macht Frau in so einem live changing Moment? Luftsprünge? Den Liebsten anrufen? Sekt kaltstellen? Einen Doppelten heben? Ich wollte als wissenschaftlich ge- und verbildeter Mensch in diesem ernüchternden Moment nur eines: EINE ZWEITMEINUNG. Und das schnell. Denn die Uhr tickte. Nicht nur meine, mit knapp 35, sondern auch die an meinem Handgelenk. Wortwörtlich. Denn es war 17:55. Und ich wollte unbedingt noch in die Apotheke. Und einen weiteren Test machen. Doch: Die Eingangstür war schon gesperrt. Tragödie! Mit Eskalationspotential. Also was tun? Zurück nach Hause? Einfach vor Ort einen filmreifen Nervenzusammenbruch hinlegen? No way. Keine Zeit. Zu wichtig. Also den letzten Strohhalm ergriffen und … beim Ausgang rein gelaufen. Völlig aufgelöst, hysterisch, mit knirschenden Nerven. Ich fürchte, ich schrie quer durch die gesamte Apotheke: „Einen Schwangerschaftstest. Schnell. Einen ganz unkomplizierten, sicheren“. Was soll ich sagen? Mit dieser wirklich ausgefeilten und differenzierten Überredungskunst hab ich das Unmögliche geschafft und noch einen Schwangerschaftstest ergattert. Ein Pyrrhussieg. Und ein Bisschen peinlich (okay, mehr als nur ein Bisschen – eher so wie Bridget Jones, nur nicht in Blond sondern in Dunkelbraun. Und ohne Schi-Anzug). Ähm. Also zurück nach Hause. Pinkelbereit. Lulu Marsch. Und wieder: schwanger.

Test positiv: Ist negativ …
Scheiße. Scheiße. Scheiße. Fünf Jahre lang war da nichts. Kein Gelbkörperhormon am Horizont. Nur Menstruation und Frustration und andere Frauen, deren schwellende Bäuche mich mit höhnisch nach oben gezogenen Muttermundwinkeln angrinsten und mir das bisherige Versagen der eigenen Fruchtbarkeit brühwarm um die Eierstöcke schmierten. Menschenskind. Zum Ei zerspringen das alles. Und jetzt? Jetzt war ich endlich auch wieder schwanger. Aber ich war nicht glücklich, nicht freudig – auch das wieder Anlass für allzeitbereite Irritation des Umfelds. Denn ich war panisch, grummelig und skeptisch und blieb es. Nicht nur an diesem Tag, an dem ich mich mit dem Scheiße, Scheiße, Scheiße positiven Teststreifen ins Bett verkrochen und geweint habe. Denn alles, woran ich denken konnte war: „Nicht noch einmal. Nicht noch einmal. Bitte nicht noch einmal“. Ich sah mich wieder zurückversetzt. In die Toilette, als ich die ersten, brauen Blutungen sah, noch ganz unbedarft. Damals, als ich dachte, das größte Problem bei einer Schwangerschaft wären die zusätzlichen Kilos und die Schwangerschaftsstreifen. Mich in der  Ambulanz im Allgemeinen Krankenhaus, mit massiven Blutungen und einem beginnenden Abort. Mich, im Aufwachraum weinend – nach der Curettage in der Gewissheit, dass es jetzt weg ist. Raus aus mir. Ein kleiner Zellhaufen, ohne Herzschlag und ohne Herz. Ich sah mich ein halbes Jahr später, als ich wieder auf einen positiven Test starrte, dann wieder auf bräunliche Blutungen. Mich in einem anderem Krankenhaus, in einem anderen Zimmer. Wieder nur mich. Ohne den Zellhaufen. Wieder. Sah mich in der Praxis des Gynäkologen, als ich nach Ursachen fragte. Nach Lösungen. Nach Hilfe. Und er mir sagte: „Schwanger werden können Sie , aber Sie können sie wohl nicht austragen“. Sah uns im Reproduktionszentrum beim Durchchecken, beim Fehlersuchen. Und sah uns ratlos über Befunden, die zeigten: eigentlich alles ok. Eigentlich. Denn fünf Jahre lang war da nichts mehr. Dann die Entscheidung, künstliche Befruchtung oder Adoption. Sah uns in den Adoptionsseminaren sitzen. Kritisch beäugt, da wir wohl zu jung waren mit 35 Jahren.

 Hase, ich bin schwanger. Aber bekommen wir diesmal auch wirklich ein Kind?
Als ich es ihm diesmal sagte, war da vor allem eines: Angst, dass es wieder so ausgeht, wie bisher. Keine Freude, keine Glückseligkeit, keine glücklichen Sammel-SMS (ja, damals noch ohne Whatsapp auf meinem Handy, das auch kein Smartphone war. Sachen gibt’s …). Nur das Klammern an eine To-Do-Liste in der Hoffnung, dieses Kind retten zu können. Am nächsten Tag sind wir sofort in die Kinderwunschklinik gefahren und haben Medikamente zum Schwangerschaftserhalt abgeholt. Doch die Angst blieb, denn wir wussten: Noch ist es nur ein bisschen Schwangerschaft. In acht oder neun Wochen kann alles wieder vorbei sein. Wieder einmal.

Kein Alltag, nur alle Tage gleich …
Trotzdem sind wir am Tag darauf nach Italien gefahren. Verlängertes Wochenende, Hochzeitstag. Die ganze Fahrt über dachte ich: „Kein Aperol Spritz, kein Fortgehen. Und für was? Wieder für nichts …“ Meine Nerven waren angespannt, der Hochzeitstag im feinen Fischlokal ein Fiasko. Denn die Melange aus Frustration und der Angst, dass es wieder nichts wird, hat uns ordentlich gedämpft. Feiern? Tun wir später, vielleicht. Oder irgendwann. Und dann, am zweiten Tag kam der Dämpfer in XXXXL-Format. Es trat das ein, wovor ich die größte Angst hatte: Blutungen, anfangs noch bräunlich, dunkel. Altes Blut, aber sie waren da. Wieder. Ein „Leck mich am Arsch“ des Schicksals. Ich badete nicht im Meer, sondern in einem Meer aus Tränen. Ich lag im Zimmer, starrte an die Wand. Weinte. Las. Weinte. Las. Weinte. Zuhause angekommen gingen wir sofort wieder in die Klinik. Diesmal: stärkere Medikamente. Hormonspritzen zweimal die Woche, dazu Glucocorticoide und Progesteron. Nach jeder Spritze Schüttelfrost. Und liegen, liegen, liegen. Wochenlang. Einmal waren die Blutungen so stark, dass ich dachte, das war es jetzt. Da lebt nichts mehr. Aber trotz allem: Ein Herzschlag. Ein Embryo. Nach 13 Wochen waren die Blutungen dann endlich vorbei. Wochen, in denen ich nur aufstand, um auf die Toilette zu gehen, in denen ich mit der Couch und der Fernbedienung verschmolzen bin. Was mir geholfen hat: Mir vor meinem inneren Auge vorzustellen, wie das Kind geschützt in seiner Fruchtblase liegt, unberührt von den Blutungen und dass es gut eingewachsen ist. Ein tägliches Mantra. Dazu natürlich die häufigen Kontrolluntersuchungen beim Arzt. Da konnte ich sehen, dass das Kleine wächst, dass es lebt. Und dann, so ab der 22. Woche als noch eine Gebärmutterhalsverkürzung hinzukam  – da half mir ein Buch über die Entwicklung in der Schwangerschaft. Ich wusste genau in welcher Woche das Baby wie viel Prozent Überlebenschance hat und wie groß die Gefahr von Schäden durch eine Frühgeburt war. Die Angst war schlimm. Aber worauf ich in diesem einsamen Kampf nicht vorbereitet war, war die Einsamkeit. Denn nachdem die erste Neugier abgeflaut ist, die Anstandsbesuche absolviert sind, ist man langweilig. Die wenigsten kommen gern, um ein Häuflein Elend zu besuchen. Viel zu deprimierend. Viel  zu „real life“. Viel zu wenig so, wie man sich eine werdende Mutter vorstellt, denn die sollten freudig erregt sein, vor Glück strahlen und davon faseln, wie toll schwanger sein ist.

 Wie war diese Schwangerschaft für mich?
Also ehrlich? Wie eine kalte Dusche, die einen nach Luft schnappend und zitternd zurück lässt. Aus Schreck. Aus Angst. Und ganz einsam. Denn wenn man so auf der Couch liegt, dann reißen nicht nur Freundschaften, auch die Beziehung verändert sich – kriegt Risse. Wenn einer raus darf. Arbeiten darf. Und einer allein daliegt. Allein mit der Angst, dass das Baby stirbt. Doch noch stirbt. Allein mit dem Gefühl, für das Überleben dieses kleinen Lebens verantwortlich zu sein. Einmal aufstehen, spazieren gehen? Unverantwortlich! Ein starker Kaffee oder ein grüner/ schwarzer/ weißer Tee? Vielleicht lieber gleich Gift trinken. Ein Curry mit Ingwer und Zimt essen? Nie im Leben, das könnte tödlich sein! Muskatnuss? Finger weg. Blattsalat? Hilfe! Parmesan und Rohschinken? Tödlich! Dieses Gefühl ist mir auch jetzt – fast fünf Jahre nach der Geburt geblieben – das Gefühl, das Kind (oder heute die Kinder) retten zu müssen. Immer. Überall. Sofort. Das stresst und führt zu einem eher suboptimal entspannten Umgang mit der Mutterschaft. Und das Schlimmste: Nach diesen 9 Horror-Monaten war ich fertig. Kraftlos. Ich hätte eine Pause gebraucht. Doch was ich dabei völlig vergessen hatte, war, dass es dann erst richtig anfängt. Denn 9 Monate lang hatte ich auf den Moment der Geburt hin gefiebert. Ich hatte das Gefühl, die Geburt ist keine große Sache, das geht schon irgendwie. Doch es sollte ganz anders kommen. Was dann noch alles passiert ist, findet ihr hier.

Wie diese 9 Monate für den hasigsten Ehemann von allen waren?
Ambivalent, würde ich sagen. Denn er hatte Angst. Um das Kind. Um mich. Aber er war auch davon überzeugt, dass alles gut geht. Zumindest ab dem Moment, als wir einen Herzschlag hatten – die große Hürde, an der wir bisher immer gescheitert waren. Und vor allem war er mega-stolz: und zwar auf sich selbst. Auf seine Potenz. Und zwar so sehr, dass er mir öfters den Mantel aufriss, um Bekannten auf der Straße meinen Bauch zu präsentieren. Und im ersten Jahr hat er immer wieder allen Menschen – Bekannten, Freunden, Verwandten und Wildfremden – sein Kind mit den Worten „Hab ich gemacht“ präsentiert. Und er hat lang von einem T-Shirt phantasiert, auf dem steht: „Gefällt Ihnen dieses Kind? Das hab ich gemacht!“ Irgendwie hab ich immer vergessen, ihm so eines zu schenken … hmm …

Und heute?
Heute ist das Baby schon längst kein Baby mehr. Sondern K1 und fast fünf Jahre alt. Und er hat einen Bruder. K2, dessen Schwangerschaft noch mühevoller, schrecklicher und ängstlicher  war als die erste. Aber das ist jetzt echt eine andere Horror-Geschichte :-).

7 Kommentare zu „Als ich nach den Fehlgeburten wieder schwanger war #Blogparade

Gib deinen ab

  1. Meine erste SS endete auch als MA in der 10. SSW.
    Ich war damals erst 24 und ungeplant schwanger. Einige Jahre später kam dann geplant meine Tochter und wiederum 3 Jahre später mein Sohn ohne Probleme.
    Also wie du siehst hatte die MA bei mir nichts mit dem Alter zu tun, es ist wohl eine Laune der Natur.

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