Der längste Tag …

06:00 und der Tag beginnt. Eigentlich wie alle anderen Tage auch. Mit einem Weckerklingeln, das mich um 06:00 aus dem Tiefschlaf katapultiert und mich mit jagenden Herzen in die Wirklichkeit zurück riss. Der Tag. Der eine. Der, an dem K2 operiert wird.

06:30 und ich bin geduscht und angezogen. Und K1 ist geweckt. Dann Frühstücken, Anziehen, Zähneputzen. Alles wie immer  und zugleich: alles so anders, so ruhig, so schweigsam. Die Stille zeigt, dass das nur ein Kind da ist. Und der hasigste Ehemann von allen auch nicht. Der Kaffee schmeckt heute irgendwie schal, das Milchweckerl auch nicht so süß wie sonst. Doch obwohl die halbe Belegung und der komplette Appetit fehlt, sind wir keine Minute früher als sonst abmarschbereit. Trotzdem. Irgendwie sind wir amputiert.

07:15 und es geht abwärts. Mit dem Aufzug. Aus der Wohnung. Ins Erdgeschoss. Und dann ab in den Kindergarten. In Lichtgeschwindigkeit ist K1 ausgezogen und abgegeben und ich bin unterwegs ins Krankenhaus. Denn K2 ist der erste auf der OP-Liste.  Und die Uhr tickt. Wie immer ist sie nicht mein Freund und ich hoffe inständig, noch rechtzeitig da zu sein, bevor sie ihn abholen …

Und um 08:00 bin ich da. ENDLICH. Die Zimmertür sperrangelweit offen, K2 am Schreien auf dem Wickeltisch. Er wird gerade für die OP fertig gemacht – das heißt in ein Kinder-OP-Hemd gestopft. Und auch wenn er die vergangene Nacht allein mit dem hasigsten Ehemann von allen noch als spannendes Abenteuer sehen konnte, jetzt ist auch ihm klar: Es gibt kein Entkommen. Er wird operiert. Als er mich sieht, grinst er übers ganze Gesicht, streckt mir die Arme entgegen und … ja …. ähm schreit lautstark weiter. Und es wirkt. Er bekommt eine Sonderbehandlung und darf- anstatt im Bett geschoben zu werden – auf des Ehehasens Arm bis vor den OP getragen werden. Und K2 wiederum trägt, ganz fest an sich gedrückt, seinen „Tiger“, der eigentlich ein Jaguar ist …

08:10 und das Beruhigungszäpfchen wirkt von einer Minute auf die andere. K2 bekommt Schlagseite, kippt fast um in seinem Bett. Und der OP-Pfleger hebt ihn hoch und trägt ihn hinein – mitsamt dem „Tiger“. Ein letzter flehender kindlicher Blick aus verweinten Augen. Dann schließt sich die Tür. Plop. Und wir, wir bleiben zurück. Gestrandet in der Vorhölle des Wartens. Die Zeit ist nicht mein Freund. Das weiß ich, seit ich die Dellen an meinen Oberschenkeln und die weißen Haare entdeckt habe. Auch jetzt verhält sie sich gelinde gesagt … Scheiße. Sie dehnt sich gummiartig, verhaspelte sich, springt zurück und irgendwie sind diese 1 1/4 Stunden gefühlt ein ganzer Vormittag.

Dann 09:30. Aufwachraum. Nur einer darf hinein. Der Ehehase oder ich. Ich. Also OP-Haube auf, Hemd übergestreift und zum Kind. So klein und weiß und ruhig das kleine Kind im großen Bett. Nackt unter der gelben Decke. Nackt bis auf die Verbände. Hingestreckt. Genadelt. Hinabgestiegen in das Reich der Narkose und aufgefahren voller Schmerzen. Zurück in der Wirklichkeit. Und auch zurück: die Panik in mir. Was machen? Schmerzmittel schnell. Für das Kind. Und am besten auch etwas zur Beruhigung für mich. So hilflos. Er. Ich. Ich werfe mich fast zu ihm ins Bett, streichle, tröste, flüstere und ja – er schläft wieder, dank Schmerzmittel schmerzfrei.

10:30 und laut der Schwester im Aufwachraum könnte K2 zurück aufs Zimmer verlegt werden. Wenn er jetzt aufwachen würde. Tut er aber nicht so schnell, erst als sich der hasigste Ehemann und ich abwechselten ist er schlagartig munter. Und in Lichtgeschwindigkeit zurück am Zimmer. Und mit ihm die Schmerzen. Die Tränen. Denn Schneiden tut weh. Doch schnell kommt die Erlösung in Form des passenden Medikaments und K2 schläft. Stundenlang.

14:30 und es ist Zeit. Zeit für mich zu gehen. Was ich mitheme? Mein schlechtes Gewissen, nicht noch bleiben zu können. Aber das kann immer nur einer.

15:30 mit K1 daheim gelandet und mein Versprechen eingelöst. Malen. Bilder. Acryl auf Leinwand. K2 stellt sich richtig gut an. Dann Abendessen, Baden, gute Nachtgeschichte und endlich auch „Gute Nacht“. Dazwischen immer der Blick aufs Handy. Was tut sich? Tut sich was? Alles ok? Wirklich? Und dann, so um 20:30 die erlösende Whatsapp: K2 ist eingeschlafen. Der Tag ist geschafft. Und morgen? Morgen wird es besser. Versprochen.

 

 

 

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