Bruderliebe

„Mamaaaaaa, der Harte hat mich getreten und mir da weh getan.“

Der Zarte blickt mich vorwurfsvoll an. Wartend. Ich soll jetzt wohl den Harten zur Schnecke machen. Okay. Aber zuallererst zieh ich mir jetzt mal was an. Denn ich steh pudelnackert unter der Dusche.

Leicht tropfend nehme ich also meine mütterlichen Pflichten als Jungsmama wahr. Und das heißt jetzt wohl vor allem eines: Keifen.

Also: „Harter, Zarter, was war los?“
Harter:“ Der hat geärgert. Der haut.“
Zarter: „Er wollte mir das Spielzeug nicht geben.“

Hmm – was soll ich da sagen – er ist rhetorisch jetzt gar nicht mal so blöd, der Zarte. Sagt nicht ja, nicht nein, sondern argumentiert. Und ja, mir dämmert, wir kommen da auf keinen grünen Zweig, viel eher diskutieren wir bis in alle Ewigkeit. Die liegende Acht. Ein Perpetuum mobile. Also. Abkürzungsstrategie: „Harter, Zarter, lasst das.“ Uff. Gefühlt hab ich jetzt wieder mal die Welt gerettet. Dann mal zurück zum Daily Business. Ich mach dann mal Frühstück. Kaffee. Am besten literweise. und Eier. Und Speck. Doch …

Kaum hab ich die Eier in der Pfanne und den Toaster angeworfen, hör ich was. Und es sind keine Engelschöre.

 „Aaahhh. Uuuu. Ah ah.“

Kurz überlege ich, einfach das Radio lauter zu stellen, Ohren auf Durchzug. Aber … aber das klingt nach kampfbereiten Schimpansen. Und ich fürchte, es sind auch welche. Meine. Ein richtiges Affenhaus hier, denk ich. Denn als ich ins Wohnzimmer sprinte, seh‘ ich nicht nur ein, nein, gleich zwei weinende Kinder. Lautstark. Sehr lautstark. Da alle Glieder noch da sind, wo sie hingehören und auch kein Blut fließt, begebe ich mich auf Ursachenforschung. Ich pflücke mir also den Harten und den Zarten vom Boden, wo sie hingestreckt liegen – vereint im Schmerz und voller, auf 116 bzw. 104 cm verdichtete, moralischer Entrüstung über den Bruder. Was ist los? Schon wieder?

„Der Zarte hat so gemacht. Und so. “
„Und der Harte hat so gemacht.“

Ah so. Am liebsten würde ich jetzt auch so und so und so machen. Und die zwei Streithanseln in getrennte Zimmer verbannen. Aus die Maus. Aber nix da. Denn wo der eine ist, geht der andere auch hin. Aber warum? Denn da springt einer auf den Rücken des anderen, da fällt der andere beim Raufen – oder wie sie es nennen, „Spielen“ – aus dem Bett. Da stell einer dem anderen ein Bein. Da wird getreten und geschrien und da werden mit Bobbycars Kühlschränke, Schranktüren und wehrlose Füße massakriert. Plonk. Plonk. Aua. Bis die Stimmung kippt, bis einer schreit oder blutet.

Wenn ich sie so sehe, dann weiß ich was wahre  Bruderliebe ist.

Ach Gottchen, was war mein kinderloses Ich naiv. Oder erst mein Ich als Ein-Kind-Mama. Ich dachte doch echt: Zwei Kinder sind ganz wunderbar. Die können dann miteinander spielen. Vor allem, wenn der Altersabstand unter zwei Jahren beträgt. Nie werden sie einsam sein, immer einander haben. Ein Brüderpaar, durch dick und dünn – für immer und ewig. Gemeinsam werden sie in den Sonnenuntergang reiten wie Lucky Luke und Jolly Jumper. Tja. Leute, was soll ich sagen. Selten so gelacht. Über mich selbst. Irgendwie reiten die zwei Jungs schon gemeinsam in den Sonnenuntergang. Der Harte auf dem Zarten zum Beispiel. Und auch eher wie Bud Spencer und Terence Hill. Zumindest was die Präsenz von Schlägen, Slapstickeinlagen und Scherben betrifft.

Wieso? Weil ich naiv bin. Denn ich hab da einen wichtigen Faktor völlig unterschätzt: Die Bruderliebe. Und die reimt sich bekanntlich auf Hiebe. Und wen wundert’s. Hat diese Form der Bruderliebe doch – zumindest christliche – Tradition. Kain und Abel zum Beispiel. Und die hatten nicht einmal Feuerwehrmann Sam-Figuren. Oder Josef und seine Brüder. Die wollten ihn sogar in einer Zisterne ertränken und haben ihn dann – wohl der Bruderliebe wegen – doch nur als Sklave verkauft. Oder Jakob, der Esau übers Ohr haut.

Und so betrachtet, relativiert sich alles wieder. Auch das jetzt. Denn jetzt kommt der Harte und beschwert sich gerade:

„Mama, der Zarte hat auf mich Lulu gemacht und jetzt ist meine Hose pitschepatsche nass. Und er hat mich da gezwickt. Und daaaa.“

Tja. ich bin eben doch eine gute Zweifachmama. Die zwei Jungs leben noch. Die zwei Kinder haben sich noch weder erschlagen, noch verkauft. Hurra.

7 Kommentare zu „Bruderliebe

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  1. Danke für diesen Text. Habe selber zwei Jungs (16 Monate auseinander) der 3. Junge ist unterwegs. Es tut gut, zu hören, dass es bei anderen auch so ist. Manchmal denke ich, ich spinne. Habe leider keine Freunde mit zwei Jungs. Entweder brave Mädchen oder Junge und Mädchen. Die denken alle ich spinne… Hat grad sehr gut getan diesen Artikel zu lesen. Herzlichen Dank.

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  2. Mega Text! ❤ Ich habe (Ausversehen natürlich) laut gelacht und damit unseren „Zarten“, den ich gerade in den Schlaf langweilen wollte, zurück unter die Tobenden befördert. Der „Harte“ schläft schon – uns ich hoffe nicht, dass es an dem heftigen Schlag gegen den Badewannenrand lag, den der „Zarte“ ihm vorhin verpasst hat. Danke, für das Gefühl eine gute Zweifachmama zu sein. Auch hier: Sie leben noch!

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